2008 Beiträge
Ein Blick ins Chorarchiv
Von Otto Höffer
Jahrzehntelang hat unser Ehrenvorsitzender Alfred Brinker alles gesammelt, was in irgendeiner Form die Geschichte der Sauerlandia festhielt wie Zeitungsartikel, Fotos, Satzungen, Ehrengaben, Wettstreitmedaillen, Korrespondenz, Glück-wünsche, Kondolenzen, Konzertprogramme, Nikolausgedichte.
Während derartige Archivalien in jedem vernünftig geführten Archiv zu finden sein sollten, sind die begleitenden "stories" quasie als "Salz in der Suppe" zu werten.
So hat Alfred Brinker in den Jahren 1998 und 1999, ergänzend zu den Protokollen der Jahreshauptversammlungen, seine eigenen Erinnerungen niederschreiben lassen, die oftmals Anlass zum Schmunzeln geben können. Deshalb bringen wir hier einige interessante Auszüge:
Während des Zweiten Weltkrieges probte man im Vereinslokal Dingerkus, Kölner Strasse (heute: gegenüber dem Rathaus). Der Saal besass eine Bühne. Da Heizmaterial regulär nicht zu bekommen war, brachte jeder Sänger Heizmaterial mit. Damit wurde einer der beiden Kanonenöfen gestocht. Die Sänger plazierten sich um den Ofen herum, um zu proben. Da das Vereinslokal während des Krieges zerstört wurde, verlegte man die Probenarbeit in das Hotel zur Post.
Am 2.8.1947 fuhr der Chor in offenen LKW's mit Anhänger der Firma Walter Dönges nach Hohenlimburg. Ein Auftritt war vormittags, der andere nachmittags. Während beider Auftritte fand noch eine Probe statt. Aufgrund intensiver Probenarbeit vergass man aber den Auftritt, obwohl der Chor schon aufgerufen worden war. Erst, nachdem der in Hohen-Limburg wohnende Schwiegervater des Sängers Josef Schumacher den Chor auf seinen Auftritt aufmerksam gemacht hatte, eilten die Sänger zur Bühne. Ergebnis des Wettstreits: Uon sechs Vereinen in der 1. Stadtklasse belegte die Sauerlandia alle sechsten Plätze.
Die Rückfahrt und die Nachfeier im Hote1 zur Post gestalteten sich derart, aIs hätte die Sauerlandia alle ersten Preise geholt. Im Vorfeld zu diesem Wettstreit kam die Frage auf, was denn an diesem Tage getrunken werde. Da es noch keine alkoholischen Getränke zu kaufen gab, musste selbst Schnaps gebrannt werden. Gesagt - getan: Die bei der Firma Muhr und Bender beschäftigten Sänger Walter Epe, Rudolf Schulte, Erwin Töllner und AIfred Brinker hatten schon vorher eine Brennanlage gebaut. Eines Abends nun versammelten sie sich an zwei verschiedenen Stellen in der Firma MUBEA und brannten die Maische, die sie zuvor in der Wohnung von Chefchauffeur Erwin Töllner angesetzt hatten. Auf die telefonische Anfrage von Josef Muhr, warum denn zu dieser späten Stunde im Betrieb noch Licht brenne, antwortete Töllner, man brenne für den Wettstreit der Sauerlandia Schnaps. Muhr legte daraur hin den Hörer auf, ohne noch ein Wort zu sagen. Somit war die an sich illegale Aktion stillschweigend genehmigt. Selbstgebrannter Schnaps nannte sich in dieser Zeit "NABRA" (= Hausbrand).
Eine Sensation war die Tatsache, dass Sangesbruder Toni Hütte plötzlich Zigaretten in Händen hielt. Wie war das zu erklären? Nun, Toni Hütte hatte aus Jux und Dollerei an der Schublade eines an sonsten leerstehenden Zigarettenautomaten gezogen. Normalerweise war dieser Automat sei Jahren leer, da es überhaupt keine Zigaretten mehr gab. Doch die Überraschung war gross, aIs sich herausstellte, dass in der Schublade eine Packung Zigaretten vergessen worden war. Diese kam natürlich den Sängern gerade recht. Der Spaß darüber war unbeschreiblich.
Bemerkenswert waren die Nachkriegs-Waldfeste im Schützenpark: Die Stromversorgung wurde über mehrere Jahre hinweg vom Hause Otto Epe am Glockenberg bis zum Schützenpark verlegt. Dort war ein eigener Verteilerkasten gebaut worden, der für die Beleuchtung des Schützenparks sorgte. Auch die Wasserversorgung für das Spülen der Biergläser war geregelt: So hatte die Freiwillige Feuerwehr hierzu eigens eine Schlauchleitung von einem Hydranten am Glockenberg (unterhalb des Hauses Walther Siepe) bis zum Schützenpark gelegt.
Eine dort angebrachte Wasseruhr sorgte für die reelle Abrechnung mit der Stadt. Im Schützenpark war wiederum ein eigener Wasserverteiler gebaut worden, von dem aus das Wasser über zahllose
Schläuche an die einzelnen Zapfstellen geführt wurde. In einem Jahr zweifelte die Besatzung eines Bierwagens an dem Absatz von 30 HI geliefertem Bier.
Als sie jedoch montags die leeren Fässer abholen wollte, staunte sie nicht schlecht, dass kein Tropfen Bier mehr vorhanden war. Die Sängerschaft war drei Tage lang im Einsatz. Montags abends
musste alles wieder auf dem Dachboden von Karl Viegener verstaut sein.